Handwerker wider Willen

Hamlet im Schauspielhaus Chemnitz

Alles kommt anders, wenn man denkt. Das ist des Hamlets simpelste Wahrheit. Der Glaube, richtige, endgültige Entscheidungen treffen zu können, bleibt Hoffnung und Privileg der Einfältigen. Der Dänenprinz ist aber ein schlauer Bursche. Also tut er nichts. Vielen Hamlet-Inszenierungen liegt genau das am Herzen – tiefsinnig zu zeigen, wie und warum nichts passiert. Damit räumt Chemnitz gründlich auf. Regisseur Gert Jurgons entdeckt die unendlich vielen Auf- und Abgänge, die Korona aus Dienern, Vertrauten, Ministern, Spitzeln, Freunden und Wachen. Fortlaufend wird hier vorbereitet und ersonnen, besucht und intrigiert. Und alle Figuren haben was zu sagen. Die Inszenierung schlägt einen Ton an, als gälte es dem Publikum eine interessante, aber doch unbekannte Story zu erzählen. An keiner Stelle zelebrieren die Darsteller genüßlich ihren Text. Sebastian Kowski als Hamlets Onkel Claudius erreicht teilweise olympisches Niveau im Sprechtempo. So folgt die Übersetzung auch nur in Ansätzen den Poesiealbenversen der deutschen Romantiker. Über weite Strecken Prosa. Ins Versmaß wird gewechselt, wenn’s theatralisch klingen soll.

Zu oft mußte der Dänenprinz sich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, schon die Sinnfrage stellen. Es gibt Motive, die nur noch als Werbetexte funktionieren. Die Chemnitzer Inszenierung läßt Hamlet dann auch gleich dort, wo er hingehört: im Theater. Bühnenbildner Thorsten Walenta baut auf die Bühne eine zweite – die, einer in die Jahre gekommenen Provinzklitsche. Und so hängt über allem dann auch ein Hauch von Boulevard. Das ganze Ensemble arbeitet mit einem Augenzwinkern und hohem Einsatz an der Mantel- und Degenmechanik. Die Gags mögen sensiblen Seelen eine Kleinigkeit zu schrill, die Zitate ein wenig unseriös erscheinen. Sie werden’s überleben. Hamlet erdolcht so Polonius hinterm Vorhang kurzerhand mit der Schere aus dem Sani-Schrank. Man werkelt eben immer mit dem, was gerade zur Hand ist. Marc Hetterle gibt diesen Hamlet quicklebendig und uneitel, von hoher innerer Temperatur, die nie ins Tönen gerät. Dieser Art verpflichtet erscheint auch das spielfreudige Ensemble, das sich um ihn schart und in erfrischender Weise als gleichgestimmte Gruppe agiert. Gelegentlich nur hätte eine ernstere Hand der Regie den unvermeidlichen Sturz in das Alltäglich-Banale besser akzentuiert.

Irgendwann nach dem unrühmlichen Abgang des Polonius (ganz der servile Buchhalter: Bernd-Michael Baier) beginnt die blutige Phase in Helsingör. Hier gerät die Inszenierung kurz außer Takt. Zuviel Wahnsinn, zuviel Tragik für die heitere Gangart. Oder: Immernoch zu wenig Heiterkeit für die große Tragödie. Doch der show-down legt dann wieder kräftig zu. Alles stirbt, zutiefst unromantisch. Der Rest ist Schweigen, ruft Hetterle ins Publikum. Es klingt wie eine Forderung. Noch nie konnte jedoch ein Hamlet verhindern, daß nach ihm noch jemand kommt und redet. Fortinbras, das große Rätsel. Doch selbst dies letzte philosophische Kribbeln – welcher neue Geist zieht ein im Staate Dänemark – wird den Zuschauern nicht gegönnt. Fortinbras ist halt, was er ist, ein zufälliger Sieger plus Perrücke von Thomas Gottschalk. Na, wenn das mal was rechtes wird.

Stefan Kanis (Stadtstreicher Chemnitz, 1994)

Dieser Beitrag wurde unter Theaterkritik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.