Theaterkunst? Ein Mißverständnis!

„Blinde Angst“ in der naTo

Zuallererst räumt die neueste Produktion der MANTELBANDE – „Blinde Angst“ – mit einigen Erwartungen auf, die an sie geknüpft wurden. Allein dafür gebührte ihr Dank. Attestierte man dem bejubelten Vorläufer kurzerhand Begriffe wie Ehrlichkeit und einen schwülen Hauch jugendlicher Emanzipation, streift die Gruppe dies alles nun gründlich ab.

Was eigentlich passiert? Ulrich Thaler gibt einen interstellaren Postflieger dessen Bordcomputer ihm, freilich nicht ohne erheiterndes Geplänkel, den Dienst verweigert. So sieht er sich gezwungen auf einem Planeten notzulanden und daselbst die Ankunft eines Rettungsschiffes abzuwarten. Neben ihm, unserem Piloten, treiben hier vier unfreundliche Etwase ihr Unwesen. Natürlich wollen sie dem Postflieger ans Leben. Aber immer nur dann, wenn er die Angst vor ihnen zuläßt. Mittels Telepathie, so mutmaßt er, spüren sie seinen Gemütszustand auf.

Wir erleben, wie unser Flieger seinem Erfindungsgeist die Sporen gibt, freuen uns über seine Finten, beneiden ihn um seine Gelassenheit: Er singt, malt sich die Geliebte aus, stellt sich tot, flucht über das ausbleibende Rettungskommando. Nur nicht an die Monster denken. Mit dem Helden überstehen wir die eine oder andere Länge, sind fast geneigt ihm das anzukreiden, aber: Wir ertappen uns, unangemessen anspruchsvoll zu sein: Die Ablenkung von Monstern, das Ringen um die nackte Existenz, kann schließlich nicht immer kurzweilig und nach dem Geschmack von Hollywood verfertigt sein. Komik, so hakt die MANTELBANDE hier schon ins Gedächtnis, ist unproduktiv, an den Stellen, an denen man sie ohnehin erwartet.

So rollt Ulrich Thaler mit angenehmer Dickhäutigkeit und – wie die ganze Bande – ohne überhitzte Kunstfertigkeit im Stile des „Sieh her, das kann ich auch“, den Witz immer vor sich her, bremst ihn ab, und gibt ihm, wenn er guter Dinge ist, auch wieder einen Schubs. Freilich ahnen wir nach den ersten zwanzig Minuten, wie Ernst es Regisseur Frank Sanders mit der Ankündigung ist, seine Inszenierung habe mit der Vorlage des SF-Autoren Shickley nicht mehr viel gemeinsam. Ruhig darf man formulieren, sie sei ein Gegenentwurf. Die Angst als Auslöser, als Vorwegnahme eigener und fremder Aggression – im Erstlingswerk der Bande noch zentrales, umkämpftes Thema – wird jetzt in gnadenloser Weise zum Material einer Humoreske erhöht. Grandios scheint die Gruppe, wenn man so will, im Wechsel der Strategien, der Mittel. Jeglicher Ernst ist in „Blinde Angst“ gründlich vermieden, wie andererseits Witzigkeit über alle Maße traktiert wird, so alsbald jeden Boden verliert und sich selbst auflöst.

Der Schluß, der hier nicht ohne zu großen Verlust für den späteren Besucher schon preisgegeben werden kann, wird in seiner mangelnden ‚Ergiebigkeit‘ die Urteile, die sich die Inszenierung wird gefallen lassen müssen, erhärten: Den einen erscheint als Scharlatanerie, was den anderen eine gelungene Provokation der stillen Übereinkünfte von Theaterpraxis. Wer eklatante Mängel an Dramaturgie und schauspielerischem Vermögen feststellt, ohne Gespür für ihre Konsequenz und Zielrichtung zu entwickeln: die unterschwellige Kritik an den Borniertheiten der Kunst – der ist 45 Minuten lang arm dran. So vermittelt „Blinde Angst“, ganz nebenbei, dem Nebelbegriff ‚Amateurtheater‘ einen ungewohnt provokativen Impuls – und lehnt sich damit erfreulich weit aus dem Fenster.

Stefan Kanis (KREUZER, 1994)

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