Hades auf Probe

Frank Castorf inszenierte Euripides „Alkestis“ für Wien und Berlin

Eigentlich habe er „Tosca“ machen wollen, die Wiener hätten sich aber den Euripides gewünscht, meinte Frank Castorf vorab. Und nun haben sie ihn, euripideischer als gewünscht, mag man hinzufügen.

Admet, Thessaliens König, soll zum Hades abberufen werden. Er freilich will nicht sterben. Apollon, von Zeus zu des Königs Handlanger degradiert, erwirkt bei Thanatos, dem Hüter des Totenreiches, daß sich dieser auch mit einem Ersatz zufrie­dengäbe. Der Vater des Admet, ob seines natürlichen Alters zuförderst um diesen kleinen Liebesdienst gebeten, verweigert sich. Alkestis aber, des Admets Gattin, geht freiwillig und ohne Zwang für ihn hinab. Schließlich erscheint Herakles, Halbgott und Wundertäter, und trotzt sie als Gegenleistung für die bei Admet genossene Gastfreundschaft dem Totenreiche wieder ab.

So der Mythos in Euripides‘ Handschrift. Verübelte man schon dem griechischen Autor die Auflösung der tragischen Notwendigkeit – der Opfertod verliert durch seine heiter-bei­läufige Annullierung jede symbolische Kraft (und mit ihm das gesamte Stück) – so setzt Castorfs Interpretation just hier an und fort: Ach, einfach mal tot sein! Oder lieber doch nicht?

Agonie liegt wie ein feuchtes Tuch über dem Königshaus. Der monochrome Hof des Palastes gemahnt an Endzeit. Bert Neumanns Bühne assoziiert Pharaonengrab, Lenin-Mausoleum und NS-Archi­tektur. Nichts gibt es im Reich der Lebenden zu lieben, zu hassen und zu tun, weswegen man sich dem Tode nicht auslie­fern sollte. Drei weibliche „Offiziere vom Dienst“, vormals der Chor, bauen fortwährend eine Mauer aus Gasbetonsteinen auf, ab und um. Selbst der grausame Tod, Thanatos, kommt einem zu recht spanisch vor: ein Opern-Batman, Sprachimport von der iberischen Halbinsel. Auch kleine Dinge des Alltags, wie beispielsweise Gasbeton, sind ihm stets eine Arie wert. Apollon, der findige Gott, enttarnt ihn auch prompt als Aus­länder, mit dem vielleicht ein DM-Tauschgeschäft zu machen ist. Der König stümpert derweil minutenlang lustlos an den Anfangstakten eines traurigen Blues, schließlich ist ja die Gattin gestorben. Herakles endlich, Halbgott und Retter in letzter Minute, betritt mit seinen Einkaufsnetzen voll Bier­flaschen die geschichtliche Bühne reinweg zufällig.

Die ach so beliebten Gags und Blödeleien dünnt Castorf im Laufe des Abends immmer weiter aus. Formale Selbstzitate aus seiner „Bau“-Inszenierung – Gerd Preusche als Herakles strei­tet wieder um die Anzahl der mitgebrachten Bierflaschen – und dem „Borkman“ – die Sitzmöglichkeit in der Mauerlücke ist für die drei „Offiziere“ einfach zu eng – verweisen deutlich auf die durchaus uneitle Konsequenz des Regisseurs, die Ödnis der Handlung in der Inszenierung so umfaßend als möglich Platz greifen zu lassen. So geschieht, um präzise zu sein, in Castorfs neuester Inszenierung nichts, was zu fesseln vermag. Hier wird keine klassische Geschichte mehr auf den Kopf gestellt, um eine heutigere zu erzählen – etwas Neues, etwas irgendwie Erzählenswertes hat man sich nicht mehr zu erwar­ten. Erst recht nicht vom Theater. Wenn im Reich der Lebend-Toten nichts zu tun ist, kann auch auf der Schaubühne nichts passieren. Deutlicher als in allen vorangegangenen Arbeiten verzichtet Castorf auch auf die Provokation konkreter histo­rischer Bezüge: Der in den Probennotaten noch vorgesehene Riefenstahl-Film „Olympia ’36“ sowie eine Heiner-Müller-Brille für Admet fallen zur Premiere weg.

Mit „Alkestis“ löst der Volksbühnen-Intendant sein Verspre­chen ein, die Erwartungshaltungen des Publikums zu strapazie­ren, „so weit, bis es, banal gesagt, nervt.“

Daß dabei die ‚Schauspielkunst‘ zum Erliegen kommt, ist zwangsläufig. Steine tragen kann fast jeder. Umso größer das Kompliment an die Akteure, die mit gewohnter Disziplin und kindischer Freude ein Anti-Theater praktizieren, das nach zweieinhalb Stunden sein unauffälliges Ende nimmt.

Und das Publikum? – Hat nichts gesehen, worüber es ‚zu reden‘ lohnt. Die Absicht Castorfs schien in Wien sich durchzuset­zen. Bleibt zu hoffen, daß sie zur Berliner Premiere der Koproduktion im Jubel der Jünger nicht untergeht.

Stefan Kanis (Freie Presse Chemnitz)

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