Müllerbaukasten

im Netz von/mit Heiner Müller

müllerbaukasten.de
Konzept und Redaktion: Thomas Fritz, Stefan Kanis, Kristin Schulz, Franz Alken, Nicole Standtke
Web-Design und Programmierung: Alken&Sledz, Studio für Digitale Produktionen, Leipzig
Produktion: MDR 2018/19

Jury-Nominierung zum Deutschen Radiopreis 2019 in der Kategorie „Beste Innovation

Wenn man über Heiner Müller spricht, müsste man immer zwei Sachen gleichzeitig sagen. Da ist zum einen die Rede über sein Werk, wie sie in den Nachschlagewerken steht: Der große politische Dramatiker in der Nachfolge Brechts, der Revolutionär der Formensprache des Dramas, der unbestechliche Analytiker des Zeitgeistes, die Sphinx des Feuilletons …

Im selben Moment müsste man durch das zurückhaltende Lächeln Müllers hindurch die schwebenden Turbulenzen einer ernsten Harlekinade einfangen. „Ich sage alles, nur nicht, was ich denke.“ Hoppla, ein Bonmot. Ja, die typische Müller-Falle. Umso häufiger man in seinen Texten liest, auf das Müller-Lächeln schaut, spürt man, die wie gut das tut, wie heilsam es uns heute ist. „Mein Text ist ein Telefonbuch, und so muss er vorgetragen werden, dann versteht ihn jeder.“ Auch ein Bonmot, sicher, aber es fordert uns auf, mit seinen Werken ohne Ehrfurcht umzugehen. Hinter der Sentenz lebt ein anderes Vertrauen, es steht gegen die tägliche Idiotie des Bescheidwissens, dass es immer darauf ankomme, wie etwas gemeint sei. Erst recht, wie der Autor etwas meint. „Polizeiästhetik“ nannte das Müller. In unserer von Selbstdarstellung müden Zeit ist dies vielleicht das Wichtigste an ihm. Dass jemand von sich selbst absieht. Umso näher man Heiner Müller kommt, desto mehr verschwindet er in seinem Werk. Umso länger man sich mit Müller beschäftigt, desto größer die Unlust an Interpretation. Gegen die Deutung der Literaturgeschichte aktiviert sich in jeder Lektüre ein anderer Müller. „Die Welt ist überall anders. Ich glaube nicht an Politik“, sagt ein Matrose in Müllers Stück „Der Auftrag“.

Müller bleibt sich selbst ähnlich, aber anders als vor einem halben Jahrhundert, anders als zu Zeiten des Mauerfalls auch, verschieben sich heute Lesarten. „Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts“, erklärt Müller 1982 seine Arbeitshaltung. Ob die Forderung der „Unterprivilegierten“ nach Teilhabe, „nach einem universalen Diskurs der nichts auslässt und niemanden ausschließt“, mit gendergerechten Sprachmasken, gewaltfreier Kommunikation und der grassierenden Therapeutisierung von gesellschaftlichen Widersprüchen wirklich aufzulösen ist – auch diese Frage steht neu zwischen Müllers Zeilen. Die Lektüre lohnt.

Hier entsteht etwas drittes, das über Müller im selben Moment zu sagen und wofür ihm zu danken ist. Seine unterm Brennglas gefassten Wirklichkeitsbilder sind nicht als publizistisches Nebengeschäft eines politisierenden Künstlers aufzufassen. Es sind Versuche, der Unordnung der Welt jenseits der Verwaltung durch Politik und Kunst eine Stimme zu geben.

Jede Zeit verschweigt ihre alten Sehnsüchte neu. Es gehört zur Stellenbeschreibung eines Klassikers, allen Generationen eigene Resonanzräume zu ermöglichen. Müllerbaukasten.de versammelt dafür Werkzeuge aus zwei Zeitebenen – der heutigen, die ohnehin in aller Lektüre steckt und der der 60er Jahre der DDR.

Müller schrieb damals an einer Fassung von Erik Neutschs Erfolgsroman „Spur der Steine“. Sie heißt „Der Bau“ und ist vielleicht Müllers unbekanntestes Stück. In der DDR kam es, wie die meisten seiner Dramen, erst mit 15 Jahren Verspätung auf die Bühne. Im „Bau“ gibt es eine wunderbar schillernde Figur, Oberbauleiter Belfert, ein Traum von einem Manager, gehetzt von Terminen „unterm Fuß der Zeit“. Einem berufsbedingt optimistischen Parteisekretär erklärt er die Lage: „Ein Auto und ein Fahrrad in Flugzeug umbauen, während der Fahrt – das ist ungefähr unsere Aufgabe.“ Ich kann ihn leider gut verstehen. Sie auch?

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