{"id":1099,"date":"1996-01-01T19:09:13","date_gmt":"1996-01-01T18:09:13","guid":{"rendered":"http:\/\/sperrsitz.net\/?p=1099"},"modified":"2011-02-06T12:11:35","modified_gmt":"2011-02-06T11:11:35","slug":"festival-im-off","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sperrsitz.net\/?p=1099","title":{"rendered":"Festival im Off"},"content":{"rendered":"<h3>MAN\u00f6VER und euro-scene im Herbst 1995<\/h3>\n<p>Das Konzept der MAN\u00f6VER-Festivals scheut Weltl\u00e4ufigkeit um ihrer selbst Willen wie das gebrannte Kind das Feuer. Es begibt sich auf die Suche nach Inszenierungen, die auch und gerade in hoher K\u00fcnstlichkeit, von der Pr\u00e4senz des Au\u00dferk\u00fcnstlerischen inspiriert, spiritualisiert, auch vergewaltigt werden. Als Qualit\u00e4tsma\u00dfstab wird die Bew\u00e4ltigung dieses Widerspruchs in der jeweiligen Inszenierung erkennbar. Damit bezieht das MAN\u00f6VER in der Diskussion um die Spezifik des Freien Theaters einen streitbaren, aber einen erkennbaren Standpunkt. Das Festival wechselt j\u00e4hrlich zwischen deutschen Off-Theater-Produktionen und einer konzeptuell focusierten Umschau im Ausland. Diese Konturierung ist noch jung, verspricht allerdings fruchtbarer zu werden als der Gemischtwarenladen des gro\u00dfen, ungleichen Leipziger Bruders <em>euro-scene<\/em>. Das 95er Festival unternahm den Versuch, aus der reichen Szene Ljubljanas, Hauptstadt des als Nationalstaat jungen Sloweniens, einen repr\u00e4sentativen Querschnitt vorzustellen.<!--more--><\/p>\n<p>Mit BETONTANC ist Spitzenniveau des europ\u00e4ischen Bewegungstheaters vertreten, die Gruppe tourt weltweit. Die Compagnie Branko Potocan geh\u00f6rt zum Spektrum einer sich auf hohem Niveau formierenden, eine eigene Sprachlichkeit auspr\u00e4gende Tanzszene. Die <em>angry kids<\/em> des <em>Glej-Theaters<\/em> schlie\u00dflich erweisen sich als die sterilen Darsteller ihrer eigenen Sch\u00f6nheit, wie sie das Programm unumwunden ank\u00fcndigt. Ihre \u201eShow\u201c d\u00fcrfe gerade deshalb bei einer halbwegs vollst\u00e4ndigen Repr\u00e4sentation der theatralen Verst\u00e4ndigungsformen Ljubljanas nicht au\u00dfer Acht gelassen werden. Selbst die unbeholfene Affirmation der MTV-Kultur, in der sich die <em>angry kids <\/em>gefallen, spiegelt noch etwas von den Qualit\u00e4ten, die in ganz anderer Auspr\u00e4gung und Meisterung die beiden anderen Compagnien auszeichnen: Besch\u00e4ftigung mit Inhalten, mit Sujets hei\u00dft hier zuallererst \u00dcberwindung des allt\u00e4glichen Umgangs, der allt\u00e4glichen Form, diese Probleme, Inhalte zu denken und zu artikulieren.<\/p>\n<p>Die einpr\u00e4gsamste Sprache findet dabei die seit 1990 zusammenarbeitenden Akteure von BETONTANC. Die Substanz ihres Theaters sind die Katastrophen der sozialen Existenz. Und rigide m\u00f6chten sie die Katastrophe in ihrr Kunst dort stattfinden lassen, wo sie im Leben statthat: im K\u00f6rper. Die Aggressionen, die Energien, die diese Suche aufschlie\u00dft, beginnen in der Auff\u00fchrung in einfachen, kraftvollen Bewegungsabl\u00e4ufen miteinander zu korrespondieren, sich zu steigern oder sich aufzuheben. Hier sind die \u00fcberw\u00e4ltigenden Sequenzen diejenigen, in denen sich das Wechselspiel der aggressiven Energien in einem autokreativen Proze\u00df scheinbar ohne \u00e4u\u00dferen Einflu\u00df weitertreibt.<\/p>\n<p>BETONTANC ist eine vergleichsweise junge Gruppe. Der gro\u00dfe Preis beim internationalen Choreographiewettbewerb in Bagnolet mit \u201eEvery Word A Gold Coin\u2019s Worth\u201c 1992 \u00f6ffnete den Slowenen den Zugang zu den gro\u00dfen Festivals, r\u00fcckte eine Region ins europ\u00e4ische Interesse, die seit den 80er Jahren wohl ausschlie\u00dflich mit dem Exportartikel \u201eNSK\u201c, der Neuen Slowenischen Kunst, verbunden wurde. Drei Jahre sp\u00e4ter hat BETONTANC nun einen zweiten Teil erarbeitet: \u201eKnow Your Enemy!\u201c ist mehr als die optische Drehung der Wand. Es ihre Aufl\u00f6sung als ideologische Regel, als nationale und famili\u00e4re Struktur. 1995 \u2013 Ljubljana ist im Westen angekommen, fast.<\/p>\n<p>Regisseur Matjaz Pograjc will ein Theater, das schreit, nicht spricht. Schreien und Erz\u00e4hlen begegnen sich in der K\u00f6rpersprache von BETONTANC. Der Grat ist schmal, die Ber\u00fchrung des einen durch das andere gelingt nicht immer. Es ist eine Arbeitshaltung, die durch ihren sensiblen, unpr\u00e4tenti\u00f6sen Ernst \u00fcberzeugt, wenngleich sie sich kritischen Fragen des Publikums nach der Vorstellung kaum \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>150 Leute haben sich in Leipzig die beiden Vorstellungen angesehen. Dem Ausw\u00e4rtigen scheint das gering, zur Premiere von \u201eKnow Your Enemy!\u201c waren in Hannover an zwei Abenden je 400 Menschen gekommen. Knut Gei\u00dfler, Spiritus rector des B\u00fcros f\u00fcr Off-Theater in Leipzig ist entt\u00e4uscht, doch seiner Meinung nach h\u00e4tte es noch schlimmer kommen k\u00f6nnen. Die Leipziger, ob 16 oder 66, lieben den Mainstream. Man geht zu den Thomanern oder ins Kabarett. Schlimm sei jedoch die Ignoranz und Unkenntnis der Theaterleute, der Lehrenden und Studierenden der zahlreichen Theaterinstitute. Unter diesen Bedingungen versteht sich ein Festival Freien Theaters als Mission, nicht als Dienstleistung. F\u00fcr die Messest\u00e4dter ist \u201eOff\u201c als \u00e4sthetische und kulturpolitische Kategorie, eine kleine Schar von Eingeschworenen ausgenommen, Terra incognita \u2013 es mangelt an gutem Beispiel. In Leipzig ist kein einziges Freies Theater ans\u00e4ssig, das \u00fcberregional Bedeutung h\u00e4tte. Ob die mit viel Idealismus in einem alten Kino installierte Schaub\u00fchne Lindenfels neue Akzente setzen will und kann, bleibt abzuwarten. Der Ruf des Poetischen Theaters, der ehemaligen B\u00fchne der Universit\u00e4t, ist manchem wohl noch im Ged\u00e4chtnis \u2013 allein, die heutige Arbeit kann an diese Qualit\u00e4t l\u00e4ngst nicht ankn\u00fcpfen. Dies mu\u00df nicht verwundern: Die Subventionspolitik der \u00f6ffentlichen Hand treibt die Freie Theaterarbeit konsequent in die Selbstausbeutung. Von 200 Millionen j\u00e4hrlichem Kulturetat flie\u00dfen lediglich 3,5 Millionen in die freie Kulturf\u00f6rderung. Davonbleiben f\u00fcr die Projektf\u00f6rderung Theater gerade mal 120.000 DM \u00fcbrig!<\/p>\n<p>Nicht einmal genug, um den Status quo zu halten. Von Entwicklung ganz zu schweigen. Auch der Hauptf\u00f6rderer des MAN\u00f6VERS sitzt mit der Stiftung Kulturfons an der Spree. Die Bachstadt setzt unterm Signum der Tradition auf Musik(theater)f\u00f6rderung \u2013 alles andere bringt weniger Standortprestige und rangiert unter ferner liefen. Diese Situation spiegelt sich im Negativ gerade in der <em>euro-scene<\/em> <em>Leipzig<\/em>. Mit dem merh als zehnfachen Etat des MAN\u00f6VERS zeigt dieses Festiavl j\u00e4hrlfich im Herbst \u201ezeitgen\u00f6ssisches europ\u00e4isches Theater\u201c. Zu sehen sind, wie auf etlichen anderen Festivals auch, Tanztheater und \u2013performances aus Europa. Nicht mehr und nicht weniger. Die Konturierung des konzeptionellen Zugriffs ist auch in diesem Jahr wieder misslungen. Dieser Vorwurf, der der euro-scene seit ihrer Gr\u00fcndung anh\u00e4ngt, erw\u00e4chst freilich organisch aus der Funktion, die dem Festiavl in Leipzig zugewiesen wird: Trostpfl\u00e4sterchen und L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer. Die Programmdirektion bedient diese Erwartungshaltung in aller Unschuld. Ihre Auswahl verpflichtet sich k\u00fcnstlerischer Qualit\u00e4t, des experimentellen, modernen Theaters ohne weitere Eingrenzung. Highlights der gro\u00dfen Festivals zu zeigen, sei nicht das Intertresse der Organisatorin Ann-Elisabeth Wolff. Die eigenen Entdeckungen, die sie in Leipzig vorstellt, lassen jedoch in der Zusammenschau keine alternative Konzeption erkennen. Die Inszenierungen des Weimarer Tanztheaters und der Compagnie <em>Mossoux &amp; Bont\u00e9<\/em> aus Br\u00fcssel zeigen wohl formsinniges, strenges, zur Reflexion n\u00f6tigendes Theater; an Stelle des <em>Mimodram-Theates<\/em> aus Tiblissi und der Cardiffer <em>Man Act<\/em>-Akteure h\u00e4tte manch verschm\u00e4htes Festival-Highlight eine bessere Figur gemacht.<\/p>\n<p>So kreist die \u00f6ffentliche Diskussion der <em>euro-scene<\/em> letztlich um strittige handwerkliche und geschm\u00e4cklerische Fragen \u2013 die Konzentration eines Festivals f\u00fcr die radikale Befragung \u00e4sthetischer und sozialer Standards zu nutzen \u2013 diese M\u00f6glichkeit wurde wieder einmal vergeben. Entsprechend reibungslos funtkionieren alsdann auch die Mechanismen der Selbstpr\u00e4sentation und lokalpolitischen Positionierung. Mit der <em>euro-scene <\/em>ist im Verst\u00e4ndnis der Leipziger Kulturpolitik der Bedarf der s\u00e4chsischen Metropole an \u201eanderem\u201c, gar Freiem Theater gedeckt. Hernach verabschiedet sich Leipzigs Theater von Europa \u2013 bis zum n\u00e4chsten Herbst.<\/p>\n<p>Stefan Kanis <em>(Theater der Zeit, Jan\/Feb 1996)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>:MAN\u00f6VER und euro-scene im Herbst 1995:<br \/>\nDas Konzept der MAN\u00f6VER-Festivals scheut Weltl\u00e4ufigkeit um ihrer selbst Willen wie das gebrannte Kind das Feuer. Es begibt sich auf die Suche nach Inszenierungen, die auch und gerade in hoher K\u00fcnstlichkeit, von der Pr\u00e4senz des Au\u00dferk\u00fcnstlerischen inspiriert, spiritualisiert, auch vergewaltigt werden. Als Qualit\u00e4tsma\u00dfstab wird die Bew\u00e4ltigung dieses Widerspruchs in der jeweiligen Inszenierung erkennbar. 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