Die vier Himmelsrichtungen

Menschentreiben, elementar und spielerisch wie das Wetter

Anja Schneider, Ulrich Noethen, Elisabeth Trissenaar, Bernhard Schütz (Foto: MDR/Prosch/Kanis)

Ausschnitt aus “Die vier Himmelsrichtungen”

Die vier Himmelsrichtungen. Hörspiel nach dem Bühnenstück von Roland Schimmelpfennig.
Mit: Ulrich Noethen, Elisabeth Trissenaar, Anja Schneider und Bernhard Schütz. Dramaturgie: Thomas Fritz. Musik: Michael Rappold. Schnitt: Christian Grund. Ton: Holger König.
Hörspieleinrichtung und Regie: Stefan Kanis (Erstsendung: MDR FIGARO 30.03.2014 | 50’38)

In jeder guten Geschichte, geht der verloren, der sie erzählt. Das ist schade. Manchmal wüsste man gern mehr über die Menschen, die zu uns sprechen. Aber so sind spannende Geschichten; gibt man ihnen den kleinen Finger, ist man gleich in ihnen verschwunden. Das gilt im Besonderen für Schauspieler.
Die Geschichte der „Vier Himmelsrichtungen“ schlägt bezaubernde Kapriolen. Es ist von liebenden Herzen die Rede, von einer Kneipenschlägerei, von Luftballons zum Kneten, von einem Mann mit zwei Zungen und ein paar kleinen Lügen. Die erste Lüge ist: Die Geschichte, die das Hörspiel erzählt, hat vorher nicht existiert. Die Schauspieler haben sie im Studio erfunden.Das muss man sich so vorstellen: Ein schlanker Schauspieler steht vorm Mikrofon, überlegt eine Weile und sagt: „Ich bin Perseus“. Er sieht seine junge Kollegin an. Und damit wir am Radio verstehen, dass er das gesagt hat, der Mann im Studio, der sie so bezaubernd anlächelt, sagt sie zu uns Hörern, durchaus von ihm angetan, mit warmer Stimme sagt sie: „sagt er“. Das ist nicht viel Text, schon möglich. Aber es klingt wie eine Einladung. Und der schlanke Schauspieler freut sich, dass sie mit ihm spielt und sagt zu ihr: „Und du bist Medusa“. Das ist gleich die erste Überraschung. Schlechte Aussichten. Kopf ab, aber spannend. Weiterlesen
Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Atlas der abgelegenen Inseln

Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde

Atlas der abgelegenen Inseln

Rapa Iti10 Kurzgeschichten aus dem Buch von Judith Schalansky. Es lesen Christian Friedel, Alexander Brabandt und Conny Wolter. Regie: Stefan Kanis. (10 Sendungen; 17.02. – 21.02.2014, MDR FIGARO)

Von den Weihnachts- bis zu den Osterinseln, vom Clipperton Atoll bis nach St. Kilda: die Dichterin und Buchgestalterin Judith Schalansky führt in ihrem “Atlas der abgelegenen Inseln” auf fünfzig Inseln, die zwar real, aber dennoch kaum erreichbar sind. Diesen vom globalen Reisestrom verschonten Eilanden widmet sie Prosa-Miniaturen, in denen es von verschollenen Seeleuten, Meerjungfrauen, merkwürdigen Tieren und Begebenheiten nur so wimmelt. Ihr kunstvoll gestaltetes Buch wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet.

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Steinbaukastenträume

Die Gebrüder Lilienthal, Fröbel und ein Rudolstädter Original

Steinbaukastenträume

Surroundaufnahme des Ankerstein-Dominos

Feature von Otto Werner Förster.
Mit Friedhelm Ptok und Jens Harzer.
Redaktion: Katrin Wenzel. Ton: Holger König. Regie: Stefan Kanis.
MDR 2013 (83′- 5.1-Surroundton | Ursendung: 26.12.2013, MDR FIGARO)

Er ist gelb, rot oder blau – entsprechend den drei Baumaterialien Ziegelstein, Sandstein und Schiefer: der Anker-Baustein. Aus puren Naturingredienzien, aus Sand, Schlämmkreide und Leinöl gepresst und dann gebacken, entstehen Bausteine mit einer glatten Oberfläche.Sie liegen angenehm kühl und schwer in der Hand und sind in Haptik und ihrem firnisartigen Geruch unverwechselbar. Seit 130 Jahren und lange vor allen Steckbaukästen haben Kinder mit ihnen die Prototypen der Architektur ergründen und bauen gelernt: „die“ Kapelle, „den“ Dom oder Aussichtsturm. Anker-Bausteine sind in Europa und den USA bekannt, verbreitet und beliebt. Albert Einstein hat damit gespielt und Erich Kästner, Walter Gropius und Roman Herzog, Jurek Becker, Jürgen Trittin und Bill Clinton. Weiterlesen
Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Graf Brühl – Dresdens Mäzen und Bankrotteur

vom Pagen zum Premierminister

Graf Brühl – Dresdens Mäzen und Bankrotteur

Porträt Heinrich von Brühls (Louis de Silvestre; Quelle: Wikipedia) Feature von Matthias Körner. Mit Frauke Poolman, Udo Schenk, Danne Suckel und Torsten Ranft. Redaktion: Kathrin Aehnlich. Ton: Holger König. Regie: Stefan Kanis.
MDR 2013 (59’16 | Ursendung: 30.10.2013, MDR FIGARO)

Über fünfhundert Meter erstreckt sich am Dresdner Elbufer der „Balkon Europas“, die „Brühlsche Terrasse“. Ihrem Namenspatron Heinrich Graf Brühl (1700-1763) verdanken die Dresdener wertvollen Kulturbesitz der Stadt. Seine Zukäufe machen die Gemäldegalerie „Alte Meister“ zu dem, was sie heute ist. Er setzt den Bau der Frauenkirche durch. Er revolutioniert den Städtebau.Der in Gangloffsömmern in Thüringen geborene Sohn eines Hofmarschalls macht eine beispiellose Karriere am Hof August des Starken. Er schafft es vom Pagen zum Kammerpräsidenten und Obersteuereinnehmer und wird Sachsens Premierminister. Bei der Finanzvergabe stellt er die Anschaffungen für Kunst und Glanz vor die Aufrüstung der Armee. Weiterlesen
Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Im Inneren des Landes

Hörspiel nach dem Roman von Dirk Brauns

Der Kasernenkomplex Eggesin

Im Inneren des Landes

Hörspiel nach dem Roman von Dirk Brauns. Funkbearbeitung: Stefan Kanis.
Mit Marina Frenk, Axel Wandtke, Petra Hartung, Martin Brambach, Steffi Kühnert, Klaus Manchen, Karina Plachetka, Christian Gutowski und Alexander Brabandt. Dramaturgie: Steffen Moratz. Liedarrangements: Maria Hinze. Ton: André Lüer. Regie: Stefan Kanis. MDR 2013 (59’03 | Ursendung: 06.10.2013)

Die Jury der Deutschen Akademie für Darstellende Künste benannte ‘Im Inneren des Landes’ zum ARD-Hörspiel des Monats Oktober 2013. Aus der Begründung der Jury:
»Im Inneren des Landes ist ein aufwühlendes, wichtiges Stück zur Zeitgeschichte unter die es keinen Schlussstrich gibt – hervorragend dramatisiert und ebenso gespochen.«

‘Im Inneren des Landes’ wurde Finalist beim Wettbewerb um den Deutschen Hörspielpreis der ARD 2014. Bettina Reitz, Fernsehdirektorin des Bayerischen Runfunks und Jurorin während der öffentlichen Diskussion des Stückes:
»Das Stück mutet mir den Hoffnungsbogen und gleichzeitig die Erschütterung dessen, dass es am Ende kein gutes Ende geben wird, zu. Das ist sehr konsequent. Das Hörspiel baut sich spannend auf, ist sehr sehr gut gesprochen; und es findet mit der Montage der Musik einen Rhythmus der genau ist, auch in den Details.«
Weiterlesen

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Das bin doch nicht, oder? – Henry Büttner

Hommage an einen Karikaturisten

Zeichnung

Das bin doch nicht ich, oder? – Henry Büttner

Feature von Günter Kotte. Mit Eva Weißenborn, Dieter Wien und Günter Kotte. Redaktion: Ulf Köhler. Ton: André Lüer. Regie: Stefan Kanis.
MDR 2013 (58’24 | Ursendung: 13.11.2013, MDR FIGARO)

Es gibt wohl kaum einen DDR-Bürger, den Henry Büttner mit seinen Zeichnungen nicht durchs  Leben begleitet hätte. Büttner, der Philosoph unter den Karikaturisten, war Kult und wurde jede Woche von den Lesern des ostdeutschen Satiremagazins „Eulenspiegel“ herbeigesehnt.

Als Meister des kargen Strichs und des melancholischen Humors schuf er seine Strichfiguren mit den unbewegten Gesichtern, die er im Vorführen des absurden Alltags als große Komiker inszenierte. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

A banda

unvermutet: Aktivisten in der Berg- und Sprengstadt Freiberg / Erzg.

Berg- und Sprengstadt Freiberg: Olsenbanden

Veröffentlicht unter Allfälliges | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Ohne ihn wären die Mächtigen oftmals sprachlos gewesen

Der Dolmetscher Wolfgang Ghantus

 

Ohne ihn wären…

Feature von Günter Kotte. Mit Dieter Mann, Frauke Poolman, Tilmar Kuhn und Wolfgang Ghantus. Redaktion: Ulf Köhler. Ton: Holger Kliemchen. Regie: Stefan Kanis. MDR 2013 (59’07 | Ursendung: 23.1.2013)

Voraussetzung für seinen Beruf: unbegrenzte Neugier und Zurückhaltung, sagt Wolfgang Ghantus. Seit über sechzig Jahren übersetzt er bei Gesprächen und  Verhandlungen zwischen Politikern. Er arbeitete für Ulbricht, Honecker, den DDR- Ministerrat und traf bei den Auslandsreisen Indira Gandhi, Salvador Allende, Che Guevara. Anfang der neunziger Jahre begleitete er Angela Merkel und Lothar de Maizière. Ghantus dolmetscht simultan bei den Vereinten Nationen und auf internationalen Fachkongressen, wenn es unter Wissenschaftlern um Bierhefe, Stromversorgung oder um ein neues Medikament geht.
Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Nachrufe

Schrott, Chinesen, ferne Zeiten

Nachrufe

Nachrufe. Hörspiel von Günter Kunert. Mit: Devid Striesow, Dieter Mann, Bettina Kurth, Hille Darjes, Heidi Ecks, Jörg Schüttauf, u.a. Komposition: Michael M. Hinze. Dramaturgie: Thomas Fritz. Schnitt: Hans-Peter Ruhnert. Ton: Holger König. Regie: Stefan Kanis. MDR 2012 (55’43 | Ursendung: 26.12.2012)

Im beschaulichen Klüvershagen ist das jährliche Winzerfest schon deutlich mehr, als ein kleiner Höhepunkt. Mit Vor- und Nachberichterstattung hätte Lokalreporter Knetzschmer gut zu tun. Und der „Klüverbote“ – das örtliche Presseorgan – einige Seiten erbaulich gefüllt. Chefredakteur Borgmann erwartet vollen Einsatz. Doch Knetzschmer ist nicht bei der Sache. Ihm will der alte Hasel, das Ortsfaktotum, nicht aus dem Kopf. Vor ein paar Tagen segnete die Bastlerseele das Zeitliche und sein letztes Kunstwerk – halb Führerstand, halb Schleudersitz – ist seitdem verschollen. Letzter bekannter Aufenthalt: der örtliche Schrottplatz. Nun wird das Teil vermisst. Soweit so gut, wenn nicht auch Herr Pauli, der Eigner der Schrotthandels, erst verschwunden und ein paar Tage später verstorben wäre. Alles Zufall? Kann gut sein. Aber da ist noch der Chinese. Der wohnt seit ein paar Tagen im Ort und streunt des Nachts Richtung Recyclinghof. Was treibt den Mann aus Fernost nach Klüvershagen? Krumme Geschäfte mit dem toten Schrott-Pauli? Edelmetalle? Feine Erden? Und warum kauft der Chinese jeden Tag Unmengen Mineralwasser?Knetzschmer steht vor jeder Menge wichtiger Fragen. Lebenswichtiger Fragen.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Deutscher Sozialpreis / Juliane-Bartel-Medienpreis 2012

“Hoheneck” – Feature zweifach ausgezeichnet

Treppenhaus im Zuchthaus "Hoheneck"Das Feature „Frauenzuchthaus Hoheneck – Demütigung, Willkür, Verrat“ von Gabriele Stötzer (Ursendung am 28.09. 2011 bei MDR FIGARO) zählt laut Jury des Deutschen Sozialpreises „zu den herausragenden journalistischen Arbeiten, die sich durch Brisanz der Themen sowie besondere Eindringlichkeit der Erzählung und Bildsprache auszeichnen“. Die Jury des Juliane-Bartel-Medienpreises hebt die erschütternde Billanz der Haftbedingungen auf Hoheneck hervor, lobt das Niveau der Produktion, die einfühlsame Regiearbeit und sprachliche Dichte des Features.

Redaktion: Kathrin Aehnlich
Regie: Stefan Kanis

 

 

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Mal sehen, was noch kommt

Moderne „Alice“ im blassen Spiegel

Alice hat es gut. Jeder Schritt, den sie tut, führt sie voran. Die bekannteste Kinderbuchfigur der angelsächsischen Welt kennt keinen Schrecken, obwohl sie doch dauernd ihr Leben riskiert. Sie dehnt sich aus, füllt im Handumdrehen ganze Häuser, ihr Kopf schießt an ein einem ewig langen Hals empor und die Herzkönigin will sie köpfen. Doch für Alice geht es immer weiter. Am Ende, wenn es brenzlig wird und ihr die Spielkarten um die Ohren fliegen, wacht sie einfach auf. Der Traum ist aus und die ältere Schwester gibt ihr einen Kuss. Dem Mutigen gehört die Welt. Und sei es nur im Schlaf.

Die Zahl der Anhänger des taffen Mädchens ist Legion; Wikipedia verzeichnet quer durch alle Kunstgattungen dutzende Bearbeitungen, Adaptionen und Übermalungen. Die Dresdner Compagnie „Go Plastic“ fügte dem Alice-Rhizom am Donnerstagabend im LOFFT nun eine weitere Luftwurzel in 12 Teilen hinzu: „Mit Alice in den Städten“. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Brecht im Cola-Rausch

Selbstbewusster Kindermund: „Das Badener Lehrstück vom Einverständnis“ im LOFFT

Der Abend des letzten Ferien-Samstags. Und auf der Bühne Kinder, die freiwillig ein Lehrstück einüben! Verkehrte Welt, sagt sich Lehrer Lämpel. Um es vorwegzunehmen: Dieser Kalauer tritt der Bühnenhandlung nicht zu nahe.

Eine knappe Werkeinordnung: Mit Brechts frühen Stücken meldet sich ein Vokabular zu Wort, das man vergessen glaubte: Nützlichkeit, Einverständnis, Modellcharakter, Lernen und Lehren, Erkenntnis ­– ein Vokabular, das wie von einem anderen Kontinent herüberstrahlt und abprallt an den aktuellen Spielplänen der scheinaktivistisch agierenden Subventionsbühnen! Es besteht also Einverständnis-Bedarf, ohne Frage. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Maske und Geist

Die Kunst des Maskenbildens

Maske und Geist

Maske und Geist. Feature von Ina Lyn Reif. Mit: Britta Steffenhagen. Redaktion: Kathrin Aehnlich. Schnitt: Hans-Peter Ruhnert. Ton: André Lüer. Regie: Stefan Kanis. MDR 2012 (29’13 | Ursendung: 8.4.2012)

Die Salzburger Festspiele sind eines der bedeutendsten Theaterereignisse weltweit. Alle Jahre wieder kommen berühmte Regisseure und Schauspieler an den Festspielort, und auch für Maskenbildner aus ganz Europa ist Salzburg für mehrere Wochen eine Herausforderung. Die Arbeit des Maskenbildners ist Kunst und Handwerk zugleich. Das Gesicht des Schauspielers ist sein Malgrund. Er schminkt, verformt, korrigiert und – so meint der Schauspieler Ulrich Matthes, “fordert den Künstler auf, sich gleichzeitig zu verstellen und zu entblößen.” Weiterlesen
Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Das Finkenmanöver

Ein traditionelles Volksfest im Harz

 Das Zählen der "Schläge" beim "Distanzsingen"

Das Finkenmanoever

Das Finkenmanöver. Feature von Gerhard Pötzsch. Sprecher: Christian Steyer. Redaktion: Kathrin Aehnlich. Regie: Stefan Kanis
(29’21 | Sendung: MDR FIGARO, 26.05.2012)

”Das Finkenmanöver” ist eines der ältesten Volks- und Kulturfeste im Harz; 1868 stiegen die Streithähne erstmals in den Ring. Tausende Schaulustige kommen Jahr um Jahr am Pfingstmontag nach Benneckenstein, um diesen Wettbewerb mitzuerleben. Eine Jury urteilt über die Schönheit und die Dauer des Gesangs der Finken und wählt einen Sieger aus. “Schönheitssingen”, “Distanzsingen”, “Kreissingen” heißen die Diziplinen. 

“Was dem Jäger das Wild / Was dem Maler das Bild / Was dem Reichen des Goldes Klang / Sind mir der Fink und sein Gesang!”

Das Feature bei MDR FIGARO

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Bin das wirklich ich?

Christa-Wolf-Roman in szenischer Lesung im LOFFT

Montagabend auf der Werkstattbühne am Lindenauer Markt. Eine junge Frau, dunkle Haare, schwarzer Rolli, Jeans, tritt an einen klassischen Lesetisch. In die Jahre gekommenes Holz, die Beine etwas schräg, in der linken Ecke eine Wasserflasche, gläsern und ohne Etikett, daneben das Trinkglas. Ein Scheinwerfer schräg von hinten, der andere von vorn. Eine Jacke liegt über der Sitzfläche des Stuhls. Als der Abend zu Ende ist, liegt sie noch immer dort. Eine Kleinigkeit ohne Bedeutung, vielleicht nur ein Versehen? Nicht bei Christa Wolf. Warum kann es nicht die Jacke der Hauptfigur Christa T. sein, die mit der Autorin den Vornamen teilt? Es wäre doch möglich. Eine zarte Reminiszenz an das pulsierende Thema des Romans: Das Leben als Möglichkeitsraum. Nichts ist ausgemacht, kein Weg vorgezeichnet. Und wenn, dann steckt die Zeichnung, die uns in ihre Bahnen zwingt, nur in uns selbst. Soll man sie deshalb schon „Ich“ nennen? Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schrecken ohne Kontur

“March” hat Schwierigkeiten mit der Grammatik des Tanzes

Im Programmheft-Opener zur diesjährigen Tanzoffensive im LOFFT taucht das Wort „Geschichten“ stolze fünfmal auf. Geschichten von Gewicht will man erzählen, auch die jüngere Geschichte, und die eigenen allemal. Bitte keine Unverbindlichkeiten mehr. Vorbei die Zeit tänzerischer Selbstbezüglichkeit. Wenn alle aufstehen gegen die Verhältnisse, dann sitzt auch der Tanz mit im Bollerwagen.

Bei soviel Mitteilungswut regt sich Skepsis. Sicher, man muss nicht gleich an erzählendes Tanztheater denken, wie es einem weiland im Beyerhaus seine eindimensionalen Schrecken einflößte. Aber: Kunst und Leben tun gut daran, sich voneinander fernzuhalten und sich gegenseitig mit dem Fernrohr zu beobachten. Am besten mit einem alten, wo das Bild auf dem Kopf steht. Aus dieser Spiegelung offene, eindringliche und differenzierte ‚Geschichten’ für Publikum zu machen, die man, weil sie Kunst sind, nicht wirklich nacherzählen kann: Das, ungefähr, wäre zu leisten. Das Kuratorenteam im LOFFT hängt die Latte hoch. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Foto: Billhardt

Geschichte und Gesichter

Foto: Billhardt

Foto: Billhardt. Feature von Steffen Lüddemann.
Sprecher: Torben Kessler und Danne Hoffmann. Redaktion: Kathrin Aehnlich. Technische Realisation: Holger Kliemchen.
Regie: Stefan Kanis (Erstsendung: MDR FIGARO 28.04.2012 | 29’28)

Das berühmteste Foto Thomas Billhardts entstand 1967 in Nordvietnam. Es zeigt einen großgewachsenen amerikanischen Piloten, der von einer zierlichen Vietnamesin mit aufgepflanztem Bajonett in die Gefangenschaft abgeführt wird. Das Foto wurde hundertfach abgedruckt, im Westen wie im Osten und steht bis zum heutigen Tag als Synonym für den Krieg, den die USA in Vietnam führten. Der Anfang der 1960er Jahre an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgebildete Thomas Billhardt war damals gerade erst 30 Jahre alt und quasi über Nacht zu einem weltberühmten Fotografen geworden. Doch sein Werk steht nicht nur für Kriegsberichterstattung. In seinen über sechzig Fotobüchern finden sich Menschen und Landschaften aus aller Welt, so auch die Bilder einer Sibirien-Reise, die er gemeinsam mit Brigitte Reimann unternommen hat. Sein Handwerk gelernt hat der in Chemnitz geborene Thomas Billhardt bei seiner Mutter Maria Schmid. Sie hat ihm bereits in seiner Kindheit die Liebe zur Fotografie vermittelt und ihn immer in seiner Kunst bestärkt.

Das Feature bei MDR FIGARO zum Nachhören

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Leben um jeden Preis

Die Cammerspiele überraschen mit Ferdinand-Bruckner-Remake

Freitagabend: Während noch das Publikum Platz nimmt, malt der böse Freder seiner Zukünftigen, der Marie, eine Wunde aus Theaterblut auf den Rücken. Liebevoll macht er das, fast zärtlich. Es wird bei dieser Freundlichkeit nicht bleiben, soviel steht fest. Was in hohen Einweckgläsern auf der Kommode an rotem Saft bereitsteht, wird seine Verwendung finden.

Ferdinand Bruckners Skandalerfolg von 1928 spielt unter Medizinstudenten. Desiree, eine ausgebüchste Jung-Gräfin springt als zuckende Flamme von Erfolg zu Erfolg. Die schwierigsten Examen bewältigt sie im Handumdrehen und im Bett ist sie die pure Lust. Eigentlich ein Glückskind, wenn da nicht das Virus wäre, von dem zu reden sein wird. In derselben Pension siedelt auch Marie, Baumeisterstochter und zu Stückbeginn frischgebackene Dr. med. „Einmal gefährlich leben bitte!“ – Könnte man dieses Virus kaufen, Marie wäre die erste in der Schlange. Bis dahin bleibt ihr nur kaschierender Arbeitswille. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Besuch in Mechtshausen

Wilhelm Busch auf der epischen Bühne des Alters

Wilhelm Busch

Besuch in Mechtshausen

Besuch in Mechtshausen. Hörspiel von Rolf Schneider.
Mit: Ernst Jacobi, Maren EggertHille Darjes und Maximilian Brauer.
Dramaturgie: Thomas Fritz. Musik: Michael M. Hinze. Schnitt: Christian Grund. Ton: André Lüer.
Hörspieleinrichtung und Regie: Stefan Kanis (Erstsendung: MDR FIGARO 15.04.2011 | 53’06)

1832 geboren, ist Wilhelm Busch im Jahr 1901 ein Mann von knapp siebzig. Seine Bil­dergeschichten haben ihn berühmt gemacht, wirtschaftlich steht er gut da. Ansonsten ist er ein Griesgram, der sich von allem zurückgezogen hat – bis auf die Malerei, und bis auf den Alkohol. Außerdem ist er ein Hagestolz. Frauen haben in seinem Leben nie eine Rolle gespielt. Oder doch? Seit 1872 – da war er vierzig – lebt er mit im Haushalt seiner Schwester Fanny, die sich um die Alltagsdinge kümmert. Wieder in Wiedensahl bei Bü­ckeburg, da, wo er herstammt. 1898 zieht er mit ihr zusammen zu ihrem Sohn Otto ins Pfarrhaus in Mechtshausen. – Dort trifft ihn eine aus Frankfurt am Main angereiste Journalistin, die angeblich für die Zeitung über ihn schreiben will. Anscheinend weiß sie eine Menge über ihn, und abschütteln lässt sich das reichlich selbstbewusste Frauenzim­mer auch nicht. Besonders über seine Frankfurter Jahre hat sie allerhand ausgekund­schaftet. Über Johanna Keßler zum Beispiel, die Bankiersfrau in der Villa an der Bo­ckenheimer Landstraße. Die Sinn für die Kunst und ein Herz für die Künstler hatte. Aber ist das ein Wunder, wenn sie deren Tochter ist?

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Humor von unten

Theater Handgemenge überzeugt mit unsichtbarem Höllenhund

Am Ende bekommen sie alle ein Küsschen. Die Königin, Prinzessin Annegret, Hans und des Teufels Großmutter. Das ganze liederliche Personal aus dem „Teufel mit den drei goldenen Haaren“, ins Leben gesetzt von Friederike Krahl und Pierre Schäfer, die nun, simpel zu zweit, vor ihre Puppenstube treten. Das Publikum mag es im begeisterten Beifall noch nicht recht glauben. Sie strahlt erfreut übers ganze Gesicht, er steht – Typ großer Junge – mit verlegenem Schalk daneben. Und dann bekommt sie von ihm ein Küsschen auf die Wange. Da schlägt Herzlichkeit wie eine Flamme aus dem Zauberkasten und schreibt die Derbheit, die Sprödigkeiten und die trockenen Witze der vergangen Theaterstunde um in so etwas wie Menschenliebe. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

“Austerlitz”- Hörbuch | Presse

CD-Cover "Austerlitz" von W.G. Sebald

Ausschnitt aus “Austerlitz” von W.G. Sebald

(…) Räume entstehen, in denen man atmen und sich umschauen kann, in denen einem auch einmal der Atem stockt. Stefan Kanis, der mit der Verwandlung dieses formgewandten Romans durchaus ein Wagnis eingeht, ist sich der Gratwanderung zwischen zu viel und zu wenig Effekt bewusst. Und so entsteht schon bald ein Sog, drängender womöglich als beim Lesen des Romans, der sich aus wichtigen Gründen gegen zu große Bequemlichkeit sperrt.
(Anja Hirsch, FAZ vom 10.03.12)

(…) Den drei überragenden Stimmen gelingt es, einen Hörkosmos zu entwerfen, in dem die kunstvoll gebauten Musikminiaturen von Cornelia Friederike Müller wie kleine Sterne auffunkeln.
(Michael Opitz, DRadio Kultur “Radiofeuilleton”, 04.05.2012) Weiterlesen

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Spiel im freien Raum

Tanzproduktion der „Villa“ zeigt im LOFFT kraftvolles mixedabled-Ensemble

Wenn man große Worte über den vergangenen Sonnabendabend machen wollte, könnte man sagen: Eine der Utopien unserer geteilten Welt ist für eine Theaterstunde eingelöst worden. Die Utopie, dass Behinderte und Normale zusammengehören. So weit zusammengehören, dass selbst ultimative Reflexe zum Schweigen gebracht werden. Reflexe der Kategorie: Äh, war das jetzt politisch korrekt? Darf man „normal“ sagen in einem Satz mit „behindert“? Oder verhalte ich mit damit normativ? Bin ich die Norm, weil ich zur Mehrheit gehöre? Und was derlei Probleme mehr sind. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Helfen bis zum Umfallen

„Kaspar Häuser Meer“ – ein Sittenbild der Sozialarbeit zu Gast im LOFFT

Man wünscht den drei Frauen auf der Bühne, sie könnten Fische sein. Stumme Fische. Doch Gott meint es nicht gut mit ihnen. Er hat sie Sozialarbeiterinnen werden lassen. Und so bleibt ihnen nur das Reden. Über das Leid, das fortwährend verhindert werden muss. Über die Felle, die einem wegschwimmen, weil es immer mehr Fälle gibt. Und jetzt ist auch noch der Kollege Björn ausgefallen. Björn-out-Syndrom, vermerkt die Autorin zur Grundsituation.

Felicia Zeller hat viel verstanden vom Dilemma der delegierten Nächstenliebe. Wo es an Nachbarschaft und Solidarität mangelt, kann kein Jugendamt der Welt die Dinge wieder Geraderücken. Der Krankenstand ist eine Funktion der chronischen Unterfinanzierung, auf dem Humus der Verwaltungsallmacht gedeiht der Behördendschungel. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Puzzles aus Biographien

„Friendly fire“ zeigen eine Doppelpremiere im Tapetenwerk / Lofft

Der junge Mann am Einlass begrüßt das Publikum zur Uraufführung. Ein netter Versprecher. Denn kein Heiner-Müller-Text ist häufiger choreographiert, zelebriert, performt oder auch nur schlicht gesprochen worden als „Bildbeschreibung“. Zu Recht. „Friendly fire“, eine Fraktion der rührigen „Lofft-Werkstatt“, ist der 1984 entstandenen Skizze am Montagabend nun wieder nähergetreten. Was kann Texten besseres geschehen als Interesse. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Austerlitz

Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von W. G. Sebald

Austerlitz

Austerlitz von W. G. Sebald. Mit: Ernst Jacobi, Rosemarie FendelUlrich Matthes, Jonathan Bordag. Dramaturgie: Thomas Fritz. Musik: Cornelia Friederike Müller (aka cfm). Schnitt: Holger Kliemchen. Ton: Holger König.
Hörspielbearbeitung und Regie: Stefan Kanis (Erstsendung: 12.12.2011 | 82’25)
(Auch als Hörbuch beim Hörverlag München, März 2012)

Der Ich-Erzähler in W.G. Sebalds letztem, kurz vor seinem Tod veröffentlichten Roman
erstattet Bericht über seine Bekanntschaft mit dem Architekturhistoriker Jacques
Austerlitz, den er in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zufällig in der Antwerpener
Centraalstation kennengelernt hatte. Weiterlesen
Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Arche Leutenthal

Der Sammler und Naturfreund Oswald Malarski

Arche Leutenthal

Arche Leutenthal. Feature von Stefan Kanis. Mit: Frauke Poolman und Matthias Matschke. Redaktion: Kathrin Aehnlich. Schnitt: Christian Grund. Ton: Holger König. Regie: Stefan Kanis. MDR 2011 (29’42 | Ursendung: 3.12.2011)

Oswald Malarski hat schon immer gesammelt. Schmetterlinge und Pflanzen, Belebtes und Unbelebtes, Natürliches und Ziseliertes. Die Sammlung vergrößert sich nahezu täglich. Aus der verfallenen Kirchenscheune wird ein Balken ausgemustert, in dem zufällig eine alte Bleikugel steckt, vermutlich napoleonisch. Nebst feinbeschriftetem Begleitzettel liegt sie nun neben einem Rasierklingenschärfer von 1910. „Ist das nicht verrückt“, sagt Herr Malarski. Oskar Malarski bewertet seine Fundstücke nicht, er sammelt sie einfach. Seine Scheune ist eine Arche, in der alle Dinge gleichberechtigt ihren Platz finden dürfen. Was wird in der Arche Leutenthal unsere Zeit überdauern? Was wird wichtig sein in 100 oder 1000 Jahren? Weiterlesen

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Hinter den Ohren schreiben

Notiz zu: “Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt” am Centraltheater Leipzig

Dieser Abend gewinnt seine Kraft (wieder einmal) aus dem existentiellen Einsatz zweier Schauspieler – Maximilian Brauer und Cordelia Wege. Es braucht bis dahin drei Stunden, die es nicht braucht – und doch wieder braucht. Wenn Brauer sich im Schweiße seines nackten Antlitzes/Körpers mit dem Regisseur dieses Theaters auf dem Theater (Manuel Harder), der hier nun endlich Gott sein darf, einen letzten Kampf liefert, dann ist dies wahrlich ein phänomenaler Disput über die Zurechnungsfähigkeit der Kunst & der in ihr Lebenden.

Den Vertrag zwischen sich und seiner Rolle will er aufkündigen; Brauer führt dieses Drama als leibhaftiger Jesus auf, frisst Scheiße, die er zu Gold machen will/soll. Dann assistiert ihm Cordelia Wege als Natascha Kampusch, auch sie mag kein Opfer sein, auch ihre Rolle will sie sich selber suchen. Der Teufel (Hagen Oechel) segnet ihren Aufbruch in die Gottlosigkeit des Selbst mit – natürlich Litern Theaterblut. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Guter Mensch im schweren Wasser

Notiz zu „Der gute Mensch von Sezuan“ am Centraltheater Leipzig

Kathrin Angerers Shen Te löst ein, was man sich erhofft. Sie steuert die Exaltation des Gutmenschentums zwischen Auflösung und Karikatur der Figur in unmerklicher Mitte. Der Vetter Shui Ta: Was das Kostümbild hier vermag. Ein Dreikäsehoch, der sich an einer Chaplinade versucht. Dieser Shui Ta ist noch zerbrechlicher als seine von den Wassern der Seele bewegte Cousine. Um so mehr überträgt sich die Verzweiflung ins Parkett, wenn Angerer darum kämpft, sich aus dieser schmalhüftigen Figur in Kraft zu setzen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Frauenzuchthaus Hoheneck

Demütigung, Willkür,  Verrat

Treppenhaus Hoheneck (Ausschnitt)

Ausschnitt aus “Frauenzuchthaus Hoheneck”

Frauenzuchthaus Hoheneck. Feature von Gabriele Stötzer. Im Originalton: Inge Naumann, Sylvia Heinrich, Anita Goßler, Rüdiger Sachs und Andreas Stötzer.
Mit Bärbel Röhl und Marina Frenk. Redaktion: Kathrin Aehnlich. Ton: André Lüer. Regie: Stefan Kanis. MDR 2011 (59’15 / Ursendung: 28.09.2011)

Seit 1862 in Hoheneck das “Königlich-Sächsische Weiberzuchthaus” errichtet wurde, wechselten die Gefangenen ihr Geschlecht und die Hausherren ihre Ideologie. Nach Gründung der DDR wurde die Haftanstalt wieder zum Frauengefängnis, in dem sich Mörderinnen und politische Gefangene eine Zelle teilen mussten. Für eine “Einweisung” nach Hoheneck genügte oft schon eine schriftlich formulierte Kritik an der DDR-Politik. Die Politischen wurden unter den Kriminellen verteilt und unterstanden dem Kommando der Schwerverbrecherinnen. Ende der 1970er Jahre wurde das Gefängnis zur “Drehscheibe für Häftlingsfreikäufe. Die Vollzugsanstalt war eigentlich für 230 Haftplätze festgelegt, die wirklichen Belegungen schwankten zwischen 400 und 2000 Gefangenen. Im Jahr 2001 wurde die Haftanstalt geschlossen. Die Pläne eines privaten Investors, das Gefängnis als Erlebnishotel zu nutzen, wurden bisher von den Opferverbänden verhindert. Die Schriftstellerin Gabriele Stötzer, wurde 1977 im Alter von 23 Jahren wegen Staatsverleumdung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, von dem sie 7 Monate in Hoheneck verbrachte. Einen Freikauf in die Bundesrepublik lehnte sie ab.

http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/hoheneck108.html

Veröffentlicht unter Radioarbeiten | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Ritterspiel vor Drohkulisse

„Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst („Schaustelle Halle“ und „Ebeling & Koll.“)

Johannes Gabriel als Mordred (Foto: René Schäffer)Wir siegen, flüstert König Artus. Ein letztes Mal hat ihm sein Zauberer Merlin die Zukunft offenbart. Ja, wir werden siegen. Und wieder merkt Artus nicht, dass diese Wahrheit keine Zukunft hat. Gestern nicht und heute. Ein letzter Ton auf der E-Gitarre und das Licht verlischt. Nur hoch oben am Ruhmeskranz des Völkerschlachtdenkmals strahlen vier böse Ritter eisig über Leipzig und die kleinen Fahrensleute. Die steinernen Recken werden niemals etwas lernen. Mindestens dies schafft das Spiel der Komödianten: Die pompöse Kulisse enttarnt sich wie nebenbei als groteske Schauerlichkeit des Militarismus. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Theaterkritik | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar