Karl Marx statt Chemnitz

Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie das MassenMEDIUM RADIO ergreift

Ausschnitt aus »Karl Marx statt Chemnitz«

Karl Marx statt Chemnitz. Hörspiel von Thilo Reffert.Karl Marx
Mit Jörg Schüttauf, Ulrike Krumbiegel, Thorsten Merten, Carina Wiese, Tilla Kratochwil, Dirk Glodde, Kirsten Block u.v.a.
Schnitt: Hans-Peter Ruhnert. Ton: Holger König. Dramaturgie: Thomas Fritz, Nicole Standtke. Regie: Stefan Kanis
(Ursendung MDR KULTUR, 30.04.2018)

Karl Marx statt Chemnitz ist ein Stück, über das man Dissertationen
verfassen kann – und das sich ebenso gut als prima Unterhaltung einfach weghören lässt.” (Aus der Begründung zur Wahl zum “Hörspiel des Monats” im April 2018)

Wer mit der Zeit geht, der schaut nach vorn und nicht nach hinten. Das lässt sich der Strategie-Ausschuss des Chemnitzer Stadtrates nicht zweimal sagen. Parteiübergreifend arbeitet man an der Rückumbenennung der Stadt in Karl-Marx-Stadt aus Anlass von Marx‘ 200. Geburtstag. Damit stünde das ehemalige Chemnitz schlagartig im weltweiten Interesse. Denn wer heute Karl Marx sagt, meint nicht mehr das Zerrbild der stalinistischen Kommunisten, sondern einen Denker, der aus der Selbstkritik des Kapitalismus seine weitere Entwicklung gebiert. Die Rückbenennung – ein grandioser Schulterschluss von Stadtmarketing, Popkultur und Wirtschaftsförderung. Da wirken die Anarcho-Aktionen der Aktivistengruppe „Karl Marx statt Chemnitz“ fast wie Störfeuer. Der Radio-Journalist Hauke Veit-Klapp hat diese Entwicklung in einer 10-teiligen Serie begleitet. Doch plötzlich rudert seine Chefin zurück. Es wird keine Ausstrahlung geben. Ihre Argumente sind fadenscheinig, doch Veit-Klapp ahnt die wahren Beweggründe: Es gibt eine geheime, elfte, Folge. Von der muss sie erfahren haben. Und die hat es sich in sich.

 

Die Jury-Begründung zum Hörspiel des Monats der Akademie der Darstellenden Künste:

Das Hörspiel des Monats April handelt von einem Namensstreit, der dazu zwingt, den Begriff des Eigenen – zum Beispiel: Heimat – neu zu denken. Es handelt von den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen auf kommunaler Sachbearbeiterebene, handelt von einem Monsterkopf, in dessen Innerem Etwas vor sich geht, vom globalen Großkapital, das plötzlich seine historische Aufgabe wahrnehmen, also Produktivkräfte entwickeln könnte, und zwar in Sachsen, sowie von den Möglichkeiten und Zwängen der Medien: hier des Radios. Kurz: Es handelt von Karl Marx, wurde vom MDR in der Regie von Stefan Kanis produziert, und Thilo Reffert hat‘s geschrieben. Denn Reffert gelingt es dank einer elegant-doppelbödigen Stück-in-Stück-Konstruktion mit „Karl Marx statt Chemnitz“, diese vielfältigen Themen in einem Plot von tiefgründiger Heiterkeit und funkelnder Bosheit zusammenzufügen: Der freie Hörfunkjournalist Hauke-Veit Klapp ringt mit der für ihn zuständigen Redakteurin Rita um die Ausstrahlung seiner zehnteiligen Mini-Feature-Serie. Die war fest vereinbart, wurde nun aber kommentarlos gecancelt. Ein Versehen? Oder ein Eingriff der Funkhaus-Hierarchen? Um sie doch noch günstig zu stimmen, oder wenigstens ihrer Ablehnung auf den Grund zu kommen, führt Hauke nun Rita jede Folge einzeln vor. Schonungslos ätzt Ulrike Krumbiegel in der Rolle der Redakteurin übers Intro, das „so 90er“ sei, klagt über langweilige talking heads – „Radio kann so viel mehr transportieren als Worte“ – und bespottet einfallslose Versuche, das Werk akustisch aufzubrezeln: „Flussrauschen, Hauke, dein Ernst?“ Zugleich kann sie sich weder der Faszination der archivarischen O-Ton-Trouvaillen entziehen, die Hauke aufgetan hat – von Eberhard Rangwitz‘ propagandistischer Kantate „Frühling der Jugend“ bis zu Ansprachen von Otto Grotewohl und Erich Honecker – noch letztlich dem inhaltlichen Sog seines Projekts. Denn der von Jörg Schüttauf grandios lebensnah gesprochene Reporter beobachtet in seiner Serie den naiv für den Verfasser des Kapital entflammten Spaßguerillero Demba und in reflexhafter Marx-Ablehnung befangenen GegnerInnen. Dembas Plan ist es, den Ort am Zusammenfluss von Würschnitz und Zwönitz am 5. Mai 2018 für einen Tag wieder „Karl-Marx-Stadt“ zu nennen. Halt so, wie Chemnitz von 1953 bis 1990 hieß. Und dafür hat er am höchsten Bauwerk der Stadt, einem über 300 Meter hohen Schornstein, ein einschlägiges Transparent aufgehängt. Skandal! Wahnsinn?

Geniale Idee, die man nicht fallen lassen darf, „nur weil die falschen Leute auch dafür sind?“ Bringt das am Ende Touris, Investoren, Geld? Die Köpfe der Stadt, selbst die hohlsten, reden sich heiß, weil auf dem Spiel steht, was sich, kritisch, als Urform von Ideologie bestimmen lässt: Identität. „Karl Marx statt Chemnitz“ ist ein Stück, über das man Dissertationen verfassen kann – und das sich ebenso gut als prima Unterhaltung einfach weghören lässt.

 

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